7. Oktober 2026 von Dennis Woyke
Exzellente Anforderungen sind kein Zufall
Der grösste Hebel für den Erfolg eines Digitalisierungsvorhabens liegt an seinem Anfang, in klaren und gemeinsam getragenen Anforderungen. Wer diese Phase bewusst gestaltet, schafft Orientierung für alle Beteiligten, vergleichbare Angebote und tragfähige Entscheidungen. Anfang Oktober 2026 habe ich als weltweit zehnte Person den CPRE Expert erhalten, die höchste Stufe des Zertifizierungsprogramms des International Requirements Engineering Board (IREB). In diesem Beitrag zeige ich, was hinter diesem Weg steckt, was Auftraggebende davon haben und warum Weiterbildung bei adesso Schweiz kein Selbstzweck ist.
Der grösste Hebel liegt am Anfang
Ob ein Kanton eine Fachapplikation ablöst, ein Bundesamt ein Verfahren neu denkt oder ein Spital seine Systemlandschaft modernisiert, die Weichen werden früh gestellt. In der Phase, in der Ziele, Rahmenbedingungen und Anforderungen erarbeitet werden, ist der Gestaltungsspielraum am grössten und jede Kurskorrektur am günstigsten. Requirements Engineering ist deshalb weit mehr als das Aufschreiben von Wünschen. Es schafft ein gemeinsames Verständnis zwischen Fachbereich, Informatik und Management, macht Ziele überprüfbar und übersetzt eine Vision in konkrete, umsetzbare Anforderungen.
Gerade im öffentlichen Sektor eröffnet gutes Requirements Engineering zusätzliche Chancen. Präzise und lösungsneutral formulierte Anforderungen machen Angebote vergleichbar, sichern die Herstellerunabhängigkeit und schaffen eine belastbare Grundlage für Ausschreibungen nach BöB und VöB. Ob diese Chancen genutzt werden, hängt massgeblich von der Erfahrung und Methodenkompetenz der Menschen ab, die diese Arbeit leisten.
Konkret profitieren Auftraggebende in dieser frühen Phase in dreierlei Hinsicht:
- Orientierung: Ein geteiltes Zielbild gibt allen Beteiligten Richtung, vom Fachbereich bis zur Geschäftsleitung.
- Vergleichbarkeit: Klare Anforderungen und Bewertungskriterien machen Angebote objektiv vergleichbar und Vergabeentscheide nachvollziehbar.
- Investitionssicherheit: Was früh geklärt ist, muss später nicht teuer nachverhandelt werden.
Sechs Jahre bis zur höchsten Stufe
Mein Weg begann 2020 mit dem Foundation Level. Es folgten die vier Advanced Level des CPRE-Programms: Elicitation, Requirements Modeling, Requirements Management und RE@Agile. Den Abschluss bildet nun der CPRE Expert. Er beruht nicht auf einer klassischen Prüfung allein, sondern auf einem mehrteiligen Assessment:
- Reale Fallstudie: Eine komplexe Fragestellung aus der Praxis, zu der die Assessoren tiefgehend nach Vorgehen, Abwägungen und Begründungen fragen.
- Praxiserfahrung: Eine eingehende Prüfung der eigenen Requirements-Engineering-Erfahrung. Die Prüfungsordnung verlangt drei Jahre, ich habe die Erfahrung aus sechs Jahren eingebracht.
- Fachkompetenz: Ein allgemeiner Teil, der Wissen und Kompetenz über die gesamte Breite der Disziplin testet.
Genau darin liegt für mich der Wert dieser Zertifizierung. Expertise wird nicht behauptet, sondern von unabhängigen Assessoren an realer Projektarbeit überprüft. Für Auftraggebende ist das ein objektiver Qualitätsnachweis. Für mich ist es die Bestätigung eines Ziels, das ich mir vor sechs Jahren gesetzt habe.
Die Vorbereitung war dabei selbst ein wertvoller Lernprozess. Sechs Jahre Projektarbeit kritisch zu reflektieren, eigene Entscheidungen zu hinterfragen und sie vor erfahrenen Expertinnen und Experten zu begründen, schärft den Blick für das Wesentliche. Diese Fähigkeit, Entscheidungen bewusst zu treffen und fundiert zu begründen, bringe ich heute direkt in meine Mandate ein.
Was das in Projekten bewirkt
Wie sich diese Kompetenz in der Praxis auszahlt, zeigen zwei Projekte, die mich in den letzten Jahren geprägt haben.
SeaBag, Kanton Aargau: Beschaffung als Gestaltungschance. Das Departement Gesundheit und Soziales wollte sein System für gesundheitspolizeiliche Bewilligungen durch eine moderne Fachapplikation ablösen. Statt mit einer Produktliste zu starten, haben wir in einer Workshopserie gemeinsam mit den Fachexpertinnen und -experten die SOLL-Prozesse je Bewilligungstyp erarbeitet und mit Use Cases, einem Zustandsmodell und einem Rollenkonzept präzisiert. Daraus entstand ein validierter Anforderungskatalog als Grundlage für eine BöB-/VöB-konforme Ausschreibung mit transparenten Bewertungskriterien. Anschliessend haben wir den Kanton über die Anbieterauswahl bis in die Testphase begleitet. So wurde die Ausschreibung zur Chance, die passende Lösung gezielt auszuwählen. Dr. Peter Weber, CDO im Generalsekretariat des Departements, bezeichnet es rückblickend als wichtigen Erfolgsfaktor, die Anforderungserhebung einem kompetenten und objektiven Fachspezialisten anvertraut zu haben.
Bundesverwaltung: Von der grünen Wiese zu einer klaren Vision. Ganz anders war die Ausgangslage bei der Neukonzeption eines zentralen Fachverfahrens für ein Bundesamt. Hier gab es kein System, das abzulösen war, sondern einen weitgehend offenen Lösungsraum. Mit einem Digital-Design-Ansatz haben wir zunächst ein gemeinsames Zielbild entwickelt und daraus die SOLL-Prozesse sowie ein Lösungskonzept auf Design- und Prozessebene abgeleitet. Requirements Engineering bedeutet in einer solchen Situation vor allem, aus vielen Perspektiven eine Vision zu formen, die alle Beteiligten verstehen und mittragen.
So unterschiedlich beide Vorhaben sind, in beiden kam es darauf an, die Methodik situativ zu wählen, Stakeholder zielgerichtet einzubinden und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen.
Weiterbildung als Haltung
Ein solcher Weg gelingt nicht im Alleingang. adesso Schweiz hat mich dabei mit Zeit und finanziellen Mitteln unterstützt, vor allem aber mit Freiraum zur Entwicklung. Weiterbildung muss bei uns nicht erkämpft werden. Das Unternehmen freut sich über Engagement und fördert es aktiv. Das hat Tradition, denn adesso ist Platinum Partner des IREB und adesso Schweiz zudem offizieller Trainingsanbieter. Exzellentes Requirements Engineering gehört seit vielen Jahren zu unserem Qualitätsanspruch.
Als Team Lead gebe ich diese Haltung weiter. Ich begleite die Karriereentwicklung meiner Mitarbeitenden und sorge dafür, dass Wissen nicht bei Einzelnen bleibt, sondern im Team wächst. Als IREB Ambassador Schweiz engagiere ich mich zudem in der RE-Community und bringe Praktikerinnen und Praktiker zum Austausch zusammen. Davon profitieren am Ende unsere Kundinnen und Kunden, denn sie arbeiten mit Teams, deren Kompetenz kontinuierlich wächst und unabhängig geprüft ist.
Und allen, die am Anfang dieses Weges stehen, möchte ich Mut machen. Jede Stufe des CPRE-Programms bringt einen unmittelbaren Mehrwert für die eigene Projektarbeit. Entscheidend ist nicht, wie schnell man vorankommt, sondern dass man dranbleibt. Dafür braucht es ein Umfeld, das diese Entwicklung ermöglicht.
Fazit
Exzellente Anforderungen sind kein Zufall. Sie entstehen dort, wo Erfahrung, Methodenkompetenz und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterentwicklung zusammenkommen. Der CPRE Expert ist für mich ein Meilenstein, aber kein Endpunkt. Requirements Engineering entwickelt sich weiter und mit ihm die Ansprüche an uns.
Planen Sie eine Beschaffung, die Ablösung einer Fachapplikation oder ein Vorhaben auf der grünen Wiese? Lassen Sie uns darüber sprechen, wie Sie den grössten Hebel am Anfang optimal nutzen. Und wenn Sie Requirements Engineering selbst mit Leidenschaft betreiben, finden Sie bei adesso Schweiz den Raum, sich weiterzuentwickeln. Ich freue mich auf Ihre Fragen, Erfahrungen und Kommentare.