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Prompting als Vorbild für die nächste Kommunikationsstufe im Consulting. Ich hatte kürzlich Streit mit einem KI-Agenten.

Einen richtigen Streit. Mit Ausrufezeichen, Großbuchstaben und einer Schärfe im Ton, die ich einem Menschen gegenüber nicht zugelassen hätte. Der Prompt hatte nicht das Ergebnis geliefert, das ich erwartet hatte — obwohl er zuvor von genau dieser KI optimiert worden war. Was folgte, war ein kommunikativer Tiefpunkt meinerseits, den ich hier nicht ohne Selbstironie erwähne. Die Maschine, bekanntlich ohne Nervensystem, zuckte nicht.

Aber genau dieser Moment hat mich mehr über Kommunikation gelehrt als so manches Seminar in den letzten Jahren. Und das ist die Geschichte davon.

Das Netz, das wir nicht sehen

Im Projektalltag funktioniert Kommunikation erstaunlich gut. Nicht weil wir immer besonders präzise wären, sondern weil wir Menschen füreinander auffangen.

Wer lange genug im Consulting arbeitet, weiß: Kundschaft und Team sagen selten, was sie meinen. Aussagen werden eingeordnet, Lücken still gefüllt, Unschärfen unsichtbar korrigiert. Unser Gehirn ist eine Hochleistungsmaschine zur Mustererkennung. Präzision kostet Energie. Ergänzen geht schneller. Also ergänzen wir. Automatisch. Meistens unbewusst.

In einem typischen Statusmeeting fällt am Ende ein Satz wie: „Uns ist wichtig, dass das Ergebnis fachlich rund ist und strategisch Sinn ergibt.“ Niemand zuckt. Niemand fragt nach. Die Projektleitung denkt an Risiken, der Business Analyst an fachliche Vollständigkeit, der Scrum Master an Lieferfähigkeit. Alle haben ein Bild — nur nicht zwingend dasselbe. Und trotzdem geht es erstaunlich lange gut, denn irgendwo unterwegs korrigiert jemand still die Kurve.

Dieses unsichtbare Auffangnetz aus Interpretation, Erfahrung und sozialem Wohlwollen ist keine Schwäche im Betrieb. Es ist oft der Betrieb.

Was passiert, wenn das Netz wegfällt

Dann kommt die Maschine. Und mit ihr eine neue Form von Ehrlichkeit.

Die KI ergänzt nichts. Sie fragt nicht nach, wenn etwas doppeldeutig ist, sondern entscheidet sich — still, konsequent, ohne schlechtes Gewissen — für eine Lesart. Was vorher nach souveräner Kürze aussah, wirkt plötzlich erstaunlich dünn. Der Satz ist derselbe geblieben. Nur das Netz darunter ist verschwunden.

Der naheliegende Reflex lautet: „Die Maschine versteht das nicht.“ Das stimmt. Greift aber zu kurz.

Denn der eigentliche Bruch entsteht früher — noch bevor überhaupt etwas formuliert wird. Prompting stellt eine Frage, die im Projektalltag erstaunlich oft offenbleibt: Was will ich eigentlich? Nicht ungefähr, nicht implizit, nicht im Sinne von „das ergibt sich schon“ — sondern konkret genug, um es delegieren zu können.

Im Consulting wird diese Form von Klarheit manchmal mit Umständlichkeit verwechselt. Wer zu genau fragt, gilt schnell als schwierig. Dabei verschiebt präzise Kommunikation lediglich die Arbeit: nach vorne, zum Absender, statt nach hinten, ins Team. Die stille Mehrarbeit verschwindet dadurch nicht. Sie wird sichtbar. Und damit zum ersten Mal verhandelbar.

Eine Rechnung, die Unbehagen bereiten sollte

Kommunikation lässt sich vereinfacht als Wahrscheinlichkeitskette betrachten. Angenommen: Ich formuliere in sieben von zehn Fällen klar, was ich meine. Die Botschaft wird in acht von zehn Fällen sauber übertragen. Mein Gegenüber versteht sie in sechs von zehn Fällen so, wie ich es meinte.

Dann ergibt sich:

70 % × 80 % × 60 % = 33,6 %.

In etwa jedem dritten Fall kommt genau das an, was gemeint war. Den Rest übernehmen Interpretation, Erfahrung und Kontext. Oder anders gesagt: Arbeit, die irgendjemand leistet, ohne dass sie explizit beauftragt wurde.

Die Kommunikationswissenschaft sagt: Die Wahrheit liegt beim Empfänger. Nicht was der Sender sagen wollte, zählt, sondern was im Kopf des Gegenübers ankommt — gefiltert durch Erfahrung, Erwartung, Emotion und Kontext. Für ein Missverständnis braucht es keine katastrophale Kommunikation. Es reichen drei halbwegs menschliche Momente.

Das Netz fängt den Rest auf. Bis es das nicht mehr tut.

Was Maschinen uns beibringen könnten — wenn wir zuhören

Hier liegt der eigentliche Transfer. Nicht nur die KI wird besser, wenn wir präziser prompten. Wir werden es auch.

Wer ernsthaft beginnt, Prompts zu formulieren, entwickelt zwangsläufig eine Gewohnheit, die im Consulting als selbstverständlich gilt, in der Praxis aber häufig zu kurz kommt: das Denken vor dem Sprechen. Nicht das Strukturieren nach dem Reden, nicht das Präzisieren auf Nachfrage - sondern das Klären der eigenen Absicht, bevor eine Aufgabe den Raum verlässt.

Das klingt trivial. Ist es nicht.

Stell dir vor, du delegierst eine Aufgabe an einen neuen Kollegen. Erster Tag, kein gemeinsamer Kontext, kein stilles Netz. Was würdest du ihm sagen? Du würdest das Ziel nennen, nicht nur den Weg. Du würdest ihm geben, was er wissen muss — nicht alles, was du weißt. Und du würdest sagen, woran du erkennst, dass es gut geworden ist.

Diese drei Bewegungen sind keine reine KI-Technik. Sie sind Kommunikationshygiene — und sie funktionieren genauso gut in einem Briefing, einer Aufgabendelegation oder einem Kundengespräch.

Der Unterschied ist nur: Im Gespräch mit Menschen kommt man auch ohne sie aus. Das Netz fängt auf. Im Gespräch mit der Maschine nicht. Und genau deshalb ist sie ein so wirksames Trainingslager.

Die Maschine ist nicht das Problem. Sie ist das erste Gegenüber im Projektalltag, das kein zwischenmenschliches Auffangnetz aufspannt — und uns damit zeigt, wie viel Gewicht bisher andere getragen haben.

In fast jedem Team gibt es Menschen, die seit Jahren zwischen den Zeilen arbeiten. Die auffangen, ergänzen, still korrigieren. Die dafür selten im Projektstatus auftauchen und in keiner Retrospektive gelobt werden.

Was hier beschrieben wird, ist keine Theorie. Es ist mancherorts gelebte Projektpraxis. In unserem Team beim größten deutschen Versicherungsunternehmen haben wir angefangen, Prompting als Werkzeug für bessere Projektkommunikation zu behandeln, nicht nur für bessere KI-Ergebnisse. Mit dem stetigen Einsatz von Prompting in unseren Projekten verankern wir Prinzipien klarer Aufgabendelegation, präziser Zielformulierung und expliziter Erwartungssetzung. Wir nutzen dabei auch den Umgang mit KI-Tools als Spiegel und Trainingsfläche dafür.

Keine Zauberei. Kein Paradigmenwechsel. Nur das konsequente Weiterdenken einer Frage, die die Maschine uns gestellt hat: Was meinst du eigentlich — genau?

Die nächste Kommunikationsstufe im Consulting beginnt nicht mit besseren Tools. Sie beginnt mit dem Eingeständnis, dass ein Sprachmodell ohne Nervensystem uns gerade eines der klarsten Feedbacks gibt, das wir seit Jahren bekommen haben: Unklare Kommunikation bleibt Arbeit. Nur leistet sie oft jemand anderes.

Die Ausrufezeichen waren übrigens meine.


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Bild Bachar Moumin

Autorin Bachar Moumin

Bachar Moumin ist Senior Consultant in der Business Line Insurance bei adesso SE, ausgebildete Kommunikationstrainerin und Mediatorin und AI Ambassador. Ihr Ziel: Menschliche Kommunikationsqualität und den Einsatz von KI in der Arbeitswelt zusammenzudenken.

Kategorie:

KI

Schlagwörter:

Künstliche Intelligenz (KI)