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Menschen von oben fotografiert, die an einem Tisch sitzen.

Standards und Normen lösen bei vielen Menschen gemischte Gefühle aus. Die Begriffe klingen trocken, träge und nach wenig Handlungsspielraum. Und gerade bei zeitkritischen Herausforderungen – etwa der Bekämpfung des Klimawandels – scheinen bürokratisierte Prozesse zunächst nicht das Mittel der Wahl zu sein. Doch solange es dabei um freiwillige Selbstverpflichtung geht, können einheitliche Anforderungen Orientierung und Sicherheit geben. Außerdem können sie im konkreten Fall des Themas Nachhaltigkeit einen Beitrag zur Vermeidung von Greenwashing leisten. In meinem Blog-Beitrag betrachte ich, wie die Industrie bei der Etablierung eines Standards vorankommt und welche Aspekte digitaler Nachhaltigkeit dabei diskutiert werden.

Brauchen wir noch mehr Normen?

In Bezug auf Nachhaltigkeit ist das höchstwahrscheinlich. Denn Normen bedeuten nicht zwingend Regulierungen und schon gar keinen Zwang. In meinem Blog-Beitrag zu digitaler Nachhaltigkeit habe ich gezeigt, wie wichtig Nachhaltigkeit im Kontext der Digitalisierung ist. Und bei der Entwicklung von Barrierefreiheit als Aspekt der Usability wurde vorgestellt, dass Normierungen positive Auswirkungen haben können. Seitdem 2002 Barrierefreiheit in die ISO 25010 aufgenommen wurde, haben sich viele Unternehmen im Markt daran orientiert. Google verteilt schlechtere Page Rankings, wenn Inhalte und Seiten nicht barrierefrei sind, und viele öffentliche Ausschreibungen setzen Barrierefreiheit als Kriterium für Neuentwicklungen voraus. Klassische Beispiele wie die neun Prozent aller Männer mit Rot-Grün-Schwäche oder zwölf Prozent funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten in Deutschland haben dazu geführt, dass gesellschaftlich relevante Themen entsprechende Rahmenwerke bekommen, an denen sich Verantwortliche orientieren können. Wir als Gesellschaft und insbesondere die kommenden Generationen sind mindestens genauso von den Umweltauswirkungen digitaler Lösungen betroffen, weshalb engagierte Akteure sich darum bemühen, einen Handlungsrahmen für digitale Nachhaltigkeit vorzuschlagen.

Engagierte Personen in dem Bereich gibt es zum Glück viele, und sie alle zu nennen, würde den Umfang dieses Blog-Beitrags sprengen. Ich möchte euch jedoch einen groben Überblick darüber geben, welche Ansätze vielversprechend sind und welche eine zukünftige Norm eventuell mitprägen könnten. In den folgenden Abschnitten werden daher einige Kriterienkataloge und Rahmenwerke für digitale Nachhaltigkeit vorgestellt. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig und insbesondere im akademischen Umfeld gibt es dutzende ergänzende Ansätze.

Gesellschaft für Informatik (GI)

Der Arbeitskreis für Nachhaltigkeit der GI hat Ende 2021 die erste Fassung der Nachhaltigkeitskriterien für digitale Plattformen vorgestellt. Wie euch im Laufe dieses Beitrags auffallen wird, betrachten die wenigsten Beteiligten Nachhaltigkeit bezogen auf Umweltauswirkungen isoliert, sondern meistens ganzheitlich und auch unter Berücksichtigung sozialer Aspekte wie digitaler Teilhabe oder gesellschaftlichen Gemeinwohls. Dazu werden neben eher technischen Aspekten – wie zum Beispiel Plattformunabhängigkeit, geringer Energieverbrauch oder Langlebigkeit von Software – insbesondere auch Kriterien wie angemessene Voreinstellungen, Barrierefreiheit und Nutzungsautonomie gefordert. Weitere Aspekte, die der Kriterienkatalog vorschlägt, sind zudem frei zugängliche Software, Datensparsamkeit, minimales Tracking und angemessene Online-Werbung.

Green Software Foundation

Die Green Software Foundation wurde im Frühjahr 2022 ins Leben gerufen und hat mit ihren Principles of Green Software Engineering einige der wesentlichen Maßnahmen für ökologisch nachhaltige Softwareentwicklung zusammengefasst. Die Prinzipien bewegen sich zwar aktuell auf einer Flughöhe, die dem Thema langfristig nicht vollständig gerecht wird, die Stiftung hat jedoch bereits eine Arbeitsgruppe, deren Ziel die Entwicklung einer Reihe von Standards für nachhaltige Software ist. Erste Arbeitsergebnisse der Arbeitsgruppe finden sich beispielsweise in der Software Carbon Intensity Specification.

Sustainable Digital Infrastructure Alliance

Als Vertreter aus dem deutschsprachigen Raum und mit einem Fokus auf Infrastruktur und Rechenzentren ist auch bei der Sustainable Digital Infrastructure Alliance (SDIA) ein Kriterienkatalog in Arbeit. Ziel der SDIA ist die Erarbeitung eines Labels, mit dem Anbieter von Cloud-Infrastruktur evaluiert werden können – insbesondere im Kontext des anhaltenden Trends zur Migration in die Cloud. Da Server rund 14 Prozent der Emissionen ausmachen, die bei einem Website-Aufruf entstehen, muss die Cloud-Infrastruktur transparenter werden. Eine weitere positive Auswirkung eines solchen Labels kann zudem die Entlarvung gefährlicher und vager, an Greenwashing grenzender Claims zu vermeintlich grünem Hosting sein. Die Entwicklung des Labels scheint noch in einer sehr frühen Phase zu sein, erste identifizierte Herausforderungen – wie dass Server aktuell primär nach der Performanz ausgewählt werden – deuten jedoch darauf hin, dass es hier ans Eingemachte gehen könnte.

Blauer Engel

Auch wenn Stand Juni 2022 erst ein Softwareprodukt die Zertifizierung erhalten hat, ist das Blaue-Engel-Umweltlabel für ressourcen- und energieeffiziente Software der wohl vielversprechendste Ansatz in Deutschland. Leider ist das Label bisher nur auf klassische Desktopanwendungen beschränkt. Eine Arbeitsgruppe um das Ökoinstitut arbeitet jedoch aktiv an einer Weiterentwicklung in Richtung mobiler und verteilter Systeme. Das Label setzt über zehn Kriterien voraus, die für den Erhalt transparent aufgeschlüsselt werden müssen. Einige spannende und möglicherweise auch kontroverse Aspekte sind unter anderem die Voraussetzung von Deinstallierbarkeit, Offlinefähigkeit und Werbefreiheit. Der Blaue Engel hat international einen Leuchtturm-Charakter und gute Chancen, die Definition eines zukünftigen Standards mitzuprägen.

Référentiel général d’écoconception de services numériques (RGESN)

Die wohl umfangreichste und kleinschrittigste Sammlung für Nachhaltigkeitskriterien findet sich auf der Webseite einer interministerialen Arbeitsgruppe um das französische Ministerium für Nachhaltigkeit. Die Green-IT-Community in Frankreich hat historisch betrachtet einen gewissen Vorsprung beim Wissensaufbau im Bereich digitaler Nachhaltigkeit, der aufgrund fehlender Übersetzungen leider nur verzögert in die Welt getragen wird. Dort kamen schon recht früh Gedanken über die Zusammenhänge von Digitalisierung und Nachhaltigkeit auf. In Frankreich liegt der Fokus im Bereich digitaler Nachhaltigkeit tendenziell etwas stärker auf Hardware-Aspekten, was einen sinnvollen Kontrast zu vielen anderen der vorgestellten Ansätze darstellt.

Frei übersetzt heißt der sperrige Titel Référentiel général d’écoconception de services numériques so viel wie „Wissenssammlung für die umweltgerechte Gestaltung digitaler Dienste“. Und genau so kann man das auch verstehen. Die Sammlung von 79 Fragen kann als Checkliste genutzt werden, an der man sich bei der Planung, Umsetzung und Evaluation digitaler Lösungen orientieren kann. Die Fragen sind in neue Oberthemen – wie Architektur, User Interfaces und Hosting – gegliedert, die es Lesenden erleichtern, die für sie relevanten Handlungsfelder zu identifizieren. Die Fragen sind kurz formuliert und zu jeder Frage wird beschrieben, welches Ziel damit verfolgt wird, wie die Umsetzung aussehen kann und wie die Erreichung des Erfolgs gemessen werden kann.

Die Seite bietet zum Erstellungszeitpunkt dieses Blog-Beitrags leider keine eingebaute Mehrsprachigkeit. Gängige Browser schlagen denjenigen, die kein Französisch sprechen, jedoch oft automatisch Übersetzungen der Seite vor.

Woher soll die Norm für digitale Nachhaltigkeit kommen?

Bei den Web Content Accessibility Guidelines hat das World Wide Web Consortium damals zunächst eine Empfehlung erarbeitet, die später von der Europäischen Union und der ISO übernommen und zum Standard erklärt wurde. Mit Sicherheit kann natürlich kein Mensch sagen, wie es sich im Fall der Nachhaltigkeit verhält und ob Nachhaltigkeit als Anforderung tatsächlich irgendwann durch die ISO normiert wird. Denkbar wäre jedoch, dass Nachhaltigkeit als weiteres Qualitätskriterium für Software in die ISO 25010 integriert wird. Hier könnte, wie es bisher der Fall ist, eine eher abstrakte Anforderung (Nachhaltigkeit) durch konkretere Subkriterien konkretisiert werden. Beim World Wide Web Consortium wurde jedenfalls gerade eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, mit dem Ziel, Leitlinien und Prinzipien zu entwickeln, um ökologische Nachhaltigkeit in Arbeitsabläufe und Praktiken von Web- und Digitalfachleuten einzubeziehen.

Fazit

Einige bisher nicht genannte, aber nicht weniger wichtige Ansätze schließen etwa SustainableWebDesign.org oder einen verwandten deutschen Ansatz unter nachhaltiges-webdesign.jetzt ein. Dabei handelt es sich um lose Guidelines, die Entwickelnden sowie Designerinnen und Designern praktisch anwendbare Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben.

Wohin sich die Industrie und ihre Standards mittelfristig entwickeln werden, lässt sich in der aktuell sehr dynamischen Situation nur grob abschätzen. Zu erwarten ist jedoch, dass in wenigen Jahren mehr Struktur in der Vielzahl an Herangehensweisen zu erkennen sein wird und dass mehr Akteure, die sich über die Nachhaltigkeit der Digitalwirtschaft Gedanken machen, dem Thema nur guttun können.

Welche Ziele sich adesso in puncto Nachhaltigkeit gesetzt hat, welche Maßnahmen wir umsetzen wollen und welche Chancen und Herausforderungen für unser Unternehmen damit in Verbindung stehen, zeigen wir euch auf unserer Website.

Bild Yelle Lieder

Autor Yelle Lieder

Yelle Lieder beschäftigt sich mit der Planung und Umsetzung nachhaltiger digitaler Produkte und Dienstleistungen. Im Kontext digitaler Nachhaltigkeit berät er zur Ermittlung und Reduktion der Umweltauswirkungen sowie zum Product Management digitaler Lösungen.

Kategorie:

Inside adesso

Schlagwörter:

Nachhaltigkeit

Software

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