20. Januar 2026 von Bert Schuiling
Stablecoins in Europa – Chancen und Use Cases
Stablecoins erfreuen sich eines substanziellen Wachstums. In den letzten zwei Jahren hat sich das Volumen der ausgegebenen Stablecoins nahezu verdoppelt. Dieses Wachstum ist bislang allerdings hauptsächlich auf den zunehmenden Handel mit Kryptowährungen zurückzuführen. Daneben gibt es jedoch ein weiteres relevantes Einsatzgebiet, insbesondere im Bereich der Cross-Border-Payments. Untersuchungen des IWF zeigen, dass die beiden weltweit größten Stablecoins (USDT und USDC) schneller wachsen als die beiden größten Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum.
Zu Stablecoins im Allgemeinen: Anders als klassische Kryptowährungen weisen Stablecoins eine direkte 1:1-Parität zu einer Fiatwährung auf. Derzeit sind über 90 Prozent aller Stablecoins an den US-Dollar gekoppelt. Zahlen der EZB zeigen, dass der weltweite Stablecoin-Markt derzeit eine Kapitalisierung von rund 280 Milliarden US-Dollar erreicht, wovon etwa 90 Prozent auf die beiden USD-Stablecoins USDT und USDC entfallen.
Gleichzeitig gibt es im europäischen Raum einige Initiativen, die – Stichwort europäische Souveränität – an den Euro gekoppelt sind. Die Zielsetzung von Stablecoins ist es, eine kosten¬effiziente Zahlungsinfrastruktur zu schaffen und die Nachteile herkömmlicher Kryptowährungen, insbesondere deren Volatilität, zu vermeiden. Dies wird durch die Kopplung an eine Fiatwährung erreicht.
Seit Ende 2024 ist in Europa mit der MiCA-Regulierung (Markets in Crypto-Assets Regulation) ein regulatorischer Rahmen in Kraft, der auch die Emission und Nutzung von Stablecoins abdeckt.
MiCA-Regulierung
Die MiCA-Regulierung ist eine europäische Verordnung, die Rechts¬sicherheit und Klarheit für Krypto-Unternehmen innerhalb der EU schaffen soll. Darüber hinaus regelt sie den Schutz von Nutzerinnen, Nutzern und Investoren, um Marktmissbrauch und Finanzkriminalität entgegenzuwirken. Durch die Harmonisierung in allen EU-Mitgliedstaaten wird eine einheitliche Grundlage geschaffen, auf der Innovationen rechtssicher vorangetrieben werden können.
Stablecoins werden im Rahmen der MiCA-Regulierung als EMTs (E-Money Tokens) oder als ARTs (Asset-Referenced Tokens) definiert. Erstere sind Kryptowährungen, die an eine einzelne Fiatwährung gekoppelt sind. ARTs hingegen sind Kryptowährungen, die an mehrere Vermögenswerte gebunden sind, beispielsweise Rohstoffe, andere Tokens oder Objektwerte. Zusätzlich ist in diese Regulierung vorgesehen, dass EMTs und ARTs als „signifikante EMTs/ARTs“ eingestuft werden können. Grund dafür ist, dass Stablecoins das potential haben, so groß zu werden, dass sie als Systemrelevant eingestuft werden müssen. Die Einstufung erfolgt durch die EBA und zieht strengere Anforderungen nach sich, wie zum Beispiel höhere Eigenmittelanforderungen und eine engmaschige Aufsicht durch die Aufsichtsbehörden.
Die MiCA-Regulierung hat folgende praktische Auswirkungen für Stablecoins:
- Zulassungspflicht vor Emission
- Strenge Anforderungen an die Hinterlegung von Reserven
- Governance- und Risikomanagement-Vorgaben
- Aufsicht und EU-Passporting
Ohne eine EU-weite Autorisierung dürfen Stablecoins in der EU weder angeboten noch auf Handelsplattformen gelistet werden. MiCA schreibt vor, dass die zugrunde liegenden Reserven vollständig und sicher durch hochwertige, liquide Vermögenswerte gedeckt sein müssen. Zusätzlich sind sogenannte Redemption- und Wind-down-Pläne verpflichtend, um im Fall eines Scheiterns des Emittenten eine geordnete Abwicklung sicherzustellen. Damit soll verhindert werden, dass es zu einem ungedeckten „Run“ auf Stablecoins kommt.
Governance-Prozesse, Eigenkapitalanforderungen und Mechanismen zum Umgang mit Interessenkonflikten müssen – ähnlich wie bei traditionellen Finanzinstituten – eingehalten werden. Durch das EU-Passporting können zugelassene Stablecoins in allen EU-Mitgliedstaaten angeboten werden, ohne zusätzliche nationale Genehmigungen einholen zu müssen.
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Herausgeber von Stablecoins in Europa
Grundsätzlich sind derzeit zwei unterschiedliche Typen von Stablecoin-Emittenten auf dem europäischen Markt aktiv:
- Bank-Emittenten (zum Beispiel SG-Forge von Société Générale, Qivalis)
- Fintechs wie AllUnity, Circle und Monerium
Die Banken
Seit 2025 bietet SG-Forge eine MiCA-konforme Stablecoin-Lösung an. Dabei werden sowohl ein 1:1 an den US-Dollar gekoppelter Stablecoin (USDCV) als auch ein 1:1 an den Euro angebundener Stablecoin (EURCV) ausgegeben. Derzeit befinden sich rund 30 Millionen USDCV sowie 68 Millionen EURCV im Umlauf.
Noch nicht aktiv, aber geplant für der zweiten Jahreshälfte 2026 ist Qivalis. Qivalis ist eine Initiative von zehn europäischen Banken (BNP Paribas, CaixaBank, Danske Bank, DekaBank, ING, KBC, Raiffeisen Bank, SEB, Banca Sella und UniCredit) und wird eine voll regulierte 1:1 and den Euro gekoppelte Stablecoin in umlauf bringen.
Die Fintechs
Als reguliertes deutsches E-Geld-Institut hat AllUnity einen Stablecoin mit dem Namen EURAU auf den Markt gebracht. Seit November 2025 besteht eine Vereinbarung zwischen AllUnity und der Deutschen Börse zur Integration des EURAU in die Systeme der Deutsche Börse Group. Der Fokus liegt dabei auf On-Chain Cross-Border Payments.
Das US-amerikanische Unternehmen Circle bietet seit Ende 2023 den EURC an. In Dezember 2025 befanden sich rund 200 Millionen Euro in Form von EURC im Umlauf.
Monerium, mit Sitz in Island, bietet seinen EURe-Stablecoin als White-Label-Service für Privat- und Geschäftskunden an. Der Umlauf beträgt derzeit rund 21 Millionen Euro (Stand Januar 2026).
Neben Issuers gibt es Machbarkeitsstudien und Projekte. Eine davon ist das Projekt Agora, eine Initiative der Bank for International Settlements (BIS) in Zusammenarbeit mit sieben Zentralbanken und über 40 Finanzinstituten. Ziel des Projekts ist es, die Machbarkeit und Verfügbarkeit eines Multi-Currency Unified Ledgers für Wholesale-Cross-Border-Payments zu testen. Darüber hinaus wird die Kompatibilität mit bestehenden Regelwerken für Settlement, Anti-Money-Laundering (AML) und Counter-Terrorist-Financing (CTF) untersucht. Projekt Agora evaluiert das Potenzial dieser neuen digitalen Cross-Border-Infrastruktur. Erste Prototypen sollen in der ersten Jahreshälfte 2026 fertiggestellt werden.
Use Cases
Für den Zahlungsverkehr relevante Stablecoin-Use-Cases liegen – neben dem Krypto-Handel – vor allem im Bereich der Cross-Border-B2B-Zahlungen. Hintergrund ist, dass bestehende Verfahren häufig langsam, teuer und komplex sind. Für grenzüberschreitende Überweisungen kommen unterschiedliche nationale Bankensysteme mit eigenen Zahlungsverkehrs-infrastrukturen, Clearing-Zyklen, Währungen und Cut-off-Zeiten zum Einsatz. Zudem sind Korrespondenzbanken als Intermediäre erforderlich, die Gebühren erheben und umfangreiche Compliance-Prüfungen durchführen. Darüber hinaus müssen Banken Fremdwährungs-liquidität vorhalten, was zusätzliche Kosten verursacht und Kapital bindet. Üblicherweise ist mit Settlement-Zeiten von T+2 bis T+5 zu rechnen.
Genau hier setzen Stablecoins an. Ein Stablecoin ist digital, wertstabil und global einheitlich. Das Settlement erfolgt direkt Peer-to-Peer von der Wallet des Senders über die Blockchain zur Wallet des Empfängers. Die Abwicklung dauert Sekunden bis Minuten, ist eindeutig nachvollziehbar und technisch verifizierbar. Compliance-Prüfungen bleiben, aber finden beim On- und Off-Ramp statt. Regulatorische Verpflichtungen bleiben auch für Stablecoins ein wichtiges Thema, und es bleiben FX-Risiken beim ein- und Ausstieg. Insgesamt aber wird der Zahlungsverkehr für Stablecoins schlanker und deutlich kosteneffizienter.
Herausforderungen und Weg nach vorne
Die Risiken von Stablecoins in der Eurozone sind derzeit noch überschaubar. Zusätzliche Use Cases werde den Anteil von Stablecoins weiter erhöhen.
Dennoch bestehen Risiken durch globale Unterschiede in der regulatorischen Ausgestaltung, insbesondere in Bezug auf die Deckung der Stablecoin-Reserven und Einlösungsgebühren. In diesen Graubereichen können Probleme entstehen, wenn mehrere Parteien innerhalb und außerhalb der EU gemeinsam Stablecoins emittieren und es zu einem „Run“ auf die Tokens kommt.
Als weiteres erhebliches Risiko ist die hohe Marktkonzentration zu bewerten: Rund 90 Prozent der derzeit im Umlauf befindlichen Stablecoins werden von nur zwei Emittenten (USDT und USDC) herausgegeben. Eine praxisnahe und verlässliche Regulierung in Europa könnte dazu beitragen, den Markt zu diversifizieren und den Eintritt neuer Emittenten zu erleichtern.
Ein starkes Wachstum von Stablecoins könnte zudem dazu führen, dass Bankguthaben verstärkt in Stablecoins umgewandelt werden. Dies könnte eine teilweise Entkopplung von Banken vom klassischen Finanzsystem zur Folge haben. Dieses Risiko ist insbesondere in Märkten außerhalb der Eurozone höher, in denen das Vertrauen in die jeweilige Landeswährung gering ist.
Stablecoins werden sich im europäischen Zahlungsverkehr nicht als Ersatz für SEPA Instant etablieren, sondern vielmehr als zusätzlicher Settlement-Layer. Vor allem dort, wo das heutige System noch Reibungen aufweist (Cross-Border-Zahlungen, 24/7-Verfügbarkeit, Multi-Währungen), können Stablecoins ihre Stärken ausspielen. So können sie – neben Instant Payments – als Backbone für grenzüberschreitende Zahlungen dienen, während SEPA Instant anschließend als lokale Euro-Rail für die ‚Last Mile‘ fungiert.
Auch dort, wo weiterhin Cut-off-Zeiten existieren, können Stablecoins eine sinnvolle Ergänzung zu Instant Payments darstellen.
Der Markt für Stablecoins bleibt dynamisch und bietet große Chancen für neue Use Cases. Entscheidend ist, wie diese Möglichkeiten aufgegriffen werden und wie daraus ein echter Mehrwert entsteht.
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