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Menschen von oben fotografiert, die an einem Tisch sitzen.

Das Thema offene Schnittstellen hat sich mit Inkrafttreten der EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 im Bankensektor etabliert. Der Versicherungsbereich hat im Vergleich zur Bankenwelt hier noch großen Nachholbedarf. Wie kann eine Versicherung Open Insurance nutzen, um das eigene Geschäftsmodell weiterzuentwickeln und die Wettbewerbsfähigkeit sowie die zukünftige Relevanz zu stärken? Welche Chancen und Risiken birgt Open Insurance für die Versicherungsbranche?

Was ist eigentlich Open Insurance?

Während für viele Begriffe aus der Finanzwelt bereits allgemeingültige Definitionen bestehen, ist der Begriff „Open Insurance“ noch nicht klar bezeichnet. Vielmehr hat sich die Bezeichnung dieses Themenfelds zu einem regelrechten Buzzword entwickelt.

Als Leiter der Topic Group Open Insurance im Rahmen des InsurLab Germany e. V. habe ich zusammen mit den Teilnehmenden ein gemeinsames Begriffsverständnis geschaffen:

Open Insurance beschreibt die standardisierte Kommunikation zwischen Datenprovidern und Drittanbietern. Durch den offenen und standardisierten Austausch von versicherungsbezogenen persönlichen und nichtpersönlichen Daten mithilfe von APIs und Prozessstandards fördert Open Insurance neue innovative Use Cases und Geschäftsmodelle auch über die Versicherungsbranche hinaus. Im Fokus von Open Insurance stehen User, die im Sinne der Datensouveränität entscheiden, wie und in welchem Maß Drittanbietern Daten zur Verfügung gestellt werden.

Open Insurance besteht also aus drei zentralen Aspekten – Kundenzentrierung, Offenheit und Standardisierung.

Akteure im Kontext von Open Insurance

User: Personen, die Zustimmung zur Nutzung der eigenen versicherungsbezogenen persönlichen und nichtpersönlichen Daten geben und dafür von einem innovativen Geschäftsmodell oder Anwendungsfall profitieren.

Datenprovider: Erst- oder Rückversicherer, die mit einer offenen Schnittstelle Daten von Usern für Drittanbieter zugänglich machen. Über denselben Weg können diese Daten in aufbereiteter Form empfangen werden.

Drittanbieter: Drittanbieter verarbeiten die von Usern über Datenprovider zur Verfügung gestellten Daten. Hierbei handelt es sich um Fin- oder Insurtechs. Aber auch Erst- und Rückversicherer können als Drittanbieter auftreten. Drittanbieter stellen Usern innovative Services zur Verfügung.

Anwendungsfälle von Open Insurance

Der Austausch von Versicherungsdaten zwischen den verschiedenen Stakeholdern ist heutzutage komplex oder auch überhaupt nicht möglich.

Dabei sind viele spannende Use Cases denkbar. Zum Beispiel bei der Rente. Mit einer digitalen Rentenübersicht (sogenannte Rentencockpits) kann man zukünftig auf einen Blick sehen, wie es um die eigene Absicherung im Alter steht. Mit Open Insurance könnten verschiedene Player, mit Zustimmung der Kundin oder des Kunden, auf diese Informationen zugreifen und passgenaue Angebote für eine zusätzliche – oder notwendige – Absicherung entwickeln.

Statt aus dicken Aktenordnern alle Informationen aufwendig zusammenzutragen, erhalten User Zugriff auf die eigenen Daten. Auf Knopfdruck erhält man so automatisiert und schnell einen Überblick über die zu erwartende Rente. In einer weiteren Ausbaustufe könnte man dann sogar das eigene Rentencockpit mit der digitalen Rentenübersicht der Ehepartnerin oder des Ehepartners verbinden.

Rentencockpits sind erste einfache, aber sinnstiftende Anwendungsfälle. Darüber hinaus gibt es unzählige weitere Use Cases, die durch Open Insurance verwirklicht werden können.

Regulatorische Einflüsse auf Open Insurance

Open Insurance bringt neue Möglichkeiten in die Digitalisierung der Versicherungsbranche. Digitalisierung steht in diesem Zusammenhang aber vor allem für den strukturierten und standardisierten Datenaustausch unter den verschiedenen Akteuren. Dabei sind die regulatorischen Rahmenbedingungen der wichtigste Treiber für Open Insurance.

So hat auch die Bundesregierung den Wert von Daten erkannt und ihre im Januar 2021 beschlossene Datenstrategie darauf ausgerichtet. Mit dieser Strategie versucht die Bundesregierung die innovative und verantwortungsvolle Datenbereitstellung und Datennutzung insbesondere in Deutschland und Europa deutlich zu steigern.

Im Frühjahr 2021 hat die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) ein Diskussionspapier zum Thema Open Insurance veröffentlicht. Zahlreiche Initiativen und Verbände am Markt haben darauf reagiert und entsprechende Antworten auf das von der EIOPA veröffentlichte Dokument verfasst. Dadurch ist eine regelrechte Debatte entstanden und diverse Organisationen beschäftigen sich seitdem intensiv mit dem Thema Open Insurance.

Ein Open-Finance-Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission wird noch dieses Jahr erwartet. Ziel soll es sein, die Komplexität des Datenaustauschs auch in der Versicherungsbranche zu reduzieren. Der Entwurf der EU-Kommission soll sich aber nicht nur auf das Themenfeld Open Insurance beziehen, sondern auf das gesamte Spektrum des Open-Finance-Konzepts.

Ausblick

Es bietet sich die große Chance, eine strategische Wettbewerbsposition zu sichern und auszubauen. Wie relevant das Thema Open Insurance sein wird, vermag niemand umfassend vorauszusehen. Ungeachtet dessen wird es wichtig sein, digitale Lösungen anzubieten, die starke Erlebnisse und Nutzen für die Kundschaft schaffen. Open Insurance kann eine Chance für die Versicherungsbranche sein, auf veränderte Kundenanforderungen und Digitalisierungsdruck zu reagieren. Bislang ist Open Insurance noch eine Idee. Regulatorische Einflüsse können die Entwicklung jedoch stark beschleunigen.

Bild Philipp Mader

Autor Philipp Mader

Philipp Mader ist seit sechs Jahren in der Versicherungsbranche tätig- für adesso als Senior Consultant. Seinen Arbeitsschwerpunkt bilden hierbei die Business-Analyse und das Testmanagement im Versicherungsbereich. Darüber hinaus beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Open Insurance und den möglichen Auswirkungen auf die Versicherungsbranche.

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