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Android-Geräte haben sich in den letzten Jahren über reine Mobiltelefone hinaus auf andere Formfaktoren ausgeweitet. Zu diesen Geräten gehören nun Foldables, Tablets, Laptops, Autos mit mobiler App-Unterstützung sowie Headsets und Brillen, die mit Android XR laufen. Bei einigen Android-Smartphone-Modellen können Nutzer das Gerät zudem an einen externen Monitor anschliessen.

Alle genannten Geräte und Anwendungsfälle erfordern eine spezielle User Experience (UX), doch die aktuelle Realität spiegelt dies nicht wider. Android-Apps sind für eine rein mobile UX konzipiert und implementiert. Dies zeigt sich in der Regel daran, dass Apps nur im Hochformat verfügbar sind, sich nicht ins Querformat drehen lassen, ein Mindest- oder Höchst-Seitenverhältnis festlegen und die Grössenanpassung deaktivieren. Die Anpassung der UX an andere Geräte erfordert zusätzlichen Aufwand und wird aus diesem Grund oft ignoriert und vernachlässigt, was bei den Nutzer:innen häufig zu Frustration und Unzufriedenheit führt.

Aus diesem Grund hat Google seine Richtlinien und Anforderungen aktualisiert, um die adaptive Benutzeroberfläche (UI) voranzutreiben.

Ab dem 31. August 2025 hat Google ein neues Requirement für Apps im Google Play Store eingeführt. Apps müssen innerhalb eines Jahres nach Veröffentlichung des Android-API-Levels aktualisieren werden. Wenn eine App diese Anforderung nicht erfüllt, ist sie im Google Play Store für Nutzer:innen, die ihr Android-Betriebssystem auf die neueste Version aktualisiert haben, nicht mehr auffindbar.

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Anforderungen an App-Updates. Quelle: https://support.google.com/googleplay/android-developer/answer/11926878?hl=en

Im der neuesten Android-API-Level, welches voraussichtlich diesen Sommer veröffentlicht wird, gelten die Einschränkungen hinsichtlich Ausrichtung, Grössenanpassung und Seitenverhältnis nicht mehr für Geräte mit grösseren Bildschirmen. Diese Änderung könnte für einige Apps grundlegende Änderungen mit sich bringen oder in den meisten Fällen lediglich zu einer gestreckten Benutzeroberfläche führen. Entwicklungsteams haben eine Frist von einem Jahr bis zum nächsten Sommer, um auf die neue Android-API umzustellen und diese Änderungen zu berücksichtigen. Es stehen zwei Strategien zur Verfügung:

  • Das absolute Minimum tun, um die Anforderungen zu erfüllen, und lediglich die Benutzeroberfläche strecken, was jedoch nicht zu einer angenehmen Benutzererfahrung führt.
  • Die Benutzeroberfläche so optimieren, dass sie sich an verschiedene Fenster- und Bildschirmgrössen anpasst und ein ansprechendes UX bietet, was zusätzlichen Aufwand und Ressourcen erfordert.
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Adaptive Anwendung. Quelle: https://android-developers.googleblog.com/2025/12/goodbye-mobile-only-hello-adaptive.html

Googles neue Designphilosophie und das empfohlene Prinzip für die App-Entwicklung ist ein adaptiver Ansatz: Apps, die sich anpassen und die Benutzeroberfläche je nach Bildschirmgrösse und Ausrichtung dynamisch darstellen können. Das mag einfach klingen, bedeutet jedoch einen erheblichen Mehraufwand beim Entwerfen, Implementieren und Testen mehrerer Benutzeroberflächen und Layouts auf verschiedenen Geräteformfaktoren. Wenn die App bereits in einer Architektur strukturiert ist, welche die Geschäftslogik- und die Ansichts-Ebene trennt, müssen an der App nur Änderungen in der Ansichtsebene vorgenommen werden. Dazu gehören das Hinzufügen und Implementieren zusätzlicher Designs sowie die Reaktion auf die veränderte Fenstergrösse.

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Ref: https://developer.android.com/adaptive-apps

Prinzip des adaptiven Designs

Der Ansatz des adaptiven Designs ist in der Welt der Software-Entwicklung nichts Neues; Websites sind schon lange in der Lage, ihre Grösse anzupassen und ihre Inhalte an das verfügbare Browserfenster anzupassen. Dieses neue Prinzip von Google erfordert jedoch neue Ansätze hinsichtlich Designs und Implementierung. Auf Geräten mit grossem Bildschirm steht Platz zur Verfügung, um den Inhalt von zwei oder mehr herkömmlichen Screens anzuzeigen.

Daher lautet die neue Designrichtlinie: Man sollte nicht mehr in Screens denken, sondern in Bereichen. Dies lässt sich mit den verschiedenen Flügeln eines Hausfensters vergleichen. Bereiche sind die neue Grundeinheit eines Layouts, und das Denken in Bereichen konzentriert sich darauf, Inhalte in Bereichen zu gruppieren, Beziehungen zwischen Bereichen herzustellen und Anpassungsstrategien für Bereiche festzulegen. In der Praxis sollte die Anwendung in der Lage sein, ihr Layout dynamisch anzupassen, indem sie Komponenten (Fenster) austauscht und Inhalte je nach verfügbarer Fenstergrösse ein- oder ausblendet.

Über Bildschirmgrössen und Touch hinaus

Adaptives Design konzentriert sich nicht nur auf die Bildschirm- oder Fenstergrösse, sondern geht noch einen Schritt weiter und bietet die Möglichkeit, eine einzigartige Benutzeroberfläche basierend auf den Anzeigepositionen eines faltbaren Geräts zu implementieren. Beispielsweise kann eine Anwendung erkennen, ob sich ein faltbares Gerät in einem halb geöffneten Zustand des Bildschirms befindet, und das Layout entsprechend darstellen.

Adaptives Design bedeutet nicht nur, sich darauf zu konzentrieren, wie die Anwendung auf den Geräten aussieht; es geht auch über Touch und den Bildschirmgrösse hinaus. Google plädiert dafür, dass sich die App an externes Zubehör anpasst und dieses unterstützt, da Nutzer:innen häufig externe Tastaturen, Trackpads, Mäuse und Stifte an die Geräte anschliessen, um die Produktivität zu steigern. Die native TextField-Komponente aus der Jetpack-Bibliothek, die für Benutzereingaben in Android-Anwendungen verwendet wird, ermöglicht das Schreiben mit einem Stift.

Vorteile der Entwicklung adaptiver Anwendungen

Die Entwicklung adaptiver Android-Anwendungen ist nicht nur ein notwendiger Aufwand, sondern bringt auch einige Vorteile mit sich. Das Android-Ökosystem umfasst mehr als 500 Millionen Geräte. Indem die Bedürfnisse aller potenziellen Zielgruppen erfüllt und ihnen ein massgeschneidertes Erlebnis geboten wird, werden die Reichweite und der potenzielle Return on Investment gesteigert. Die Entwicklung adaptiver Anwendungen bedeutet auch eine erhöhte Sichtbarkeit, da Google im Play Store aktiv Anwendungen bewirbt, die für verschiedene Geräteformate gut optimiert sind. In den meisten Fällen sind Geräte mit grösseren Bildschirmen teurer als Standard-Mobiltelefone. Daher kann die Bereitstellung eines optimierten Erlebnisses für Nutzer:innen mit höherem Kaufpotenzial zu höheren Erträgen führen (hohe finanzielle Ausgaben oder In-App-Interaktion). Laut Studien von Google wurde Folgendes festgestellt:

1. User:innen, die sowohl Smartphones als auch Tablets verwenden, verbringen dreimal mehr Zeit in einer App als Nutzer:innen, welche ausschliesslich Smartphones nutzen.

2. Nutzer:innen mit grossen Bildschirmen geben fünfmal mehr Geld aus als User:innen, die nur ein Smartphone verwenden.

3. Nutzer:innen, die sowohl ein Smartphone als auch ein Gerät mit grossem Bildschirm besitzen, geben neunmal mehr aus als User:innen, die nur ein Smartphone nutzen.

Um sich mit der neuen Denkweise bei der Implementierung von Android-Apps vertraut zu machen und die neuen Bibliotheken zu testen, die Android für die Handhabung und Darstellung von Panels bereitstellt, haben wir eine kleine Demo-Anwendung erstellt. Es handelt sich um einen Fork von „KMP-App-Template-Native“ (Apache-Lizenz 2.0), einer von Jetbrains bereitgestellten Kotlin-Multiplattform-Vorlage (KMP), die als Grundlage dient, um eine bestehende App an einen neuen adaptiven Ansatz anzupassen. Der Code ist im folgenden Repository auf GitHub zu finden.

Die App wurde ursprünglich unter Verwendung des Native-View-Ansatzes für die Erstellung von KMP-Anwendungen implementiert und ist daher ein perfektes Beispiel für die Umsetzung eines adaptiven Ansatzes mit klar getrennten Geschäfts- und UI-Schichten. Wir haben lediglich den Android-View-Layer modifiziert, die Geschäftslogik und den iOS-View-Layer bleiben unverändert.

Vielversprechende Zukunft

Ein adaptiver Designansatz eröffnet neue Perspektiven für das Entwerfen und Entwickeln mobiler Apps, die für eine Vielzahl von Android-Geräten und Bildschirmgrössen optimiert sind. Die Änderungen an Richtlinien und Anforderungen zeigen deutlich, dass Google „aggressiv“ auf die Entwicklung adaptiver Apps drängt, die alle Geräte im Android-Ökosystem unterstützen können.

Das Android-Team von Google konzentriert sich darauf, die Vorteile der Entwicklung adaptiver Apps hervorzuheben und stellt im Bereich Produktmanagement, Design und Entwicklung zahlreiche Beispiele, Anleitungen und Ressourcen zur Verfügung. Insgesamt reichen die verfügbaren Ressourcen aus, um für jeden Anwendungsfall und jede App-Kategorie ein einzigartiges adaptives Design zu entwickeln. Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, ob die App-Verantwortlichen sich auf das Nötigste beschränken und lediglich die Benutzeroberfläche strecken oder ob sie eine Vielzahl kreativer adaptiver Designs hervorbringen werden.

Ich drücke der zweiten Option die Daumen. Ich möchte, dass die Hardware-Innovation bei Foldables und 2-in-1-Mobilgeräten weitergeht, und das kann nur geschehen, wenn genügend Nutzer:innen Interesse zeigen und diese Geräte kaufen. Damit dies der Fall ist, muss das Software-Erlebnis besser sein und dem Hardware-Erlebnis in nichts nachstehen.

Das Mobile-Team bei adesso erprobt kontinuierlich adaptive Android-Konzepte in der Praxis, testet neue Bibliotheken aus und validiert sie auf einer breiten Palette von Android-Geräten. Indem wir diese Patterns in interne Demos und Pilotprojekte einbeziehen, stellen wir sicher, dass unsere Empfehlungen auf realem Verhalten basieren und nicht nur auf theoretischen Annahmen.

Bild David Bojkovski

Autor David Bojkovski

David Bojkovski arbeitet als Mobile Software Engineer bei adesso in Lausanne. Er verfügt über Erfahrung sowohl in der nativen Android- und iOS-Entwicklung als auch in der Entwicklung von WearOS-Smartwatches. Zudem verfügt er über fundierte Kenntnisse in Kotlin und Compose Multiplatform. Sein Interesse an technischen Gadgets und neuen Technologien sorgt dafür, dass er stets über die neuesten Trends und Entwicklungen auf dem Laufenden bleibt.

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Schlagwörter:

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