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Wie im Blog-Beitrag meiner Kollegin Rahel Richter zum Thema „Die Krux mit der Kommunikation“ bereits richtig bemerkt wurde, solltet ihr darauf achten, wie ihr kommuniziert. Während sich dieser Beitrag allerdings mehr darauf konzentriert, die Feinheiten der verbalen Kommunikation und deren Vorzüge zu erläutern, möchte ich mich damit beschäftigen, welche Faktoren es sonst noch im Bereich der Kommunikation gibt. Die meisten Menschen werden vermutlich von sich behaupten, dass sie ihre Sprache im Griff haben und genau wissen, was sie sagen. Aber wie ist es um die Nuancen der Körpersprache bestellt?

Der Eisberg der Kommunikation

Nach den derzeit gängigen Theorien verbringt ein Projektmanager zwischen 70% und 90% seiner Zeit damit, zu kommunizieren. Gerade in agilen Projekten steht die optimierte Kommunikation als entscheidender Erfolgsfaktor besonders im Fokus − sei es die Kommunikation mit dem Endkunden, im Team oder zu Vorgesetzten. Ihr könnt mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Projekterfolg in sehr großen Stücken von der Fähigkeit des Projektmanagers abhängt, „richtig“ zu kommunizieren. Dies beinhaltet nicht nur die Befähigung, seine eigene Kommunikation zu steuern, sondern eben auch die Aussagen anderer Personen zu erkennen und zu verstehen.

In einer weit verbreiteten Studie von Albert Mehrabian aus dem Jahr 1971 lassen sich konkrete Zahlen dazu finden, wie sich eine durchschnittliche Nachricht zusammensetzt. Sie besteht zu 55% aus Körpersprache, zu 38% aus Stimme und nur zu 7% aus Worten.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, sich etwas ausführlicher mit der nonverbalen Kommunikation zu beschäftigen.

Im Allgemeinen unterteilt man die nonverbale Kommunikation in folgende Bereiche:

1. Statischer und dynamischer Gebrauch des Körpers (Kinesik)

2. Räumliches Verhalten und Wahrnehmung des Raums (Proxemik)

3. Der stimmliche Teil und die Nuancen der Sprache (Parasprache)

Kinesik − Die Stimme des Körpers

Die Haltung eines Menschen während eines Gesprächs kann euch viel über seine wahren Gefühle verraten. Hier könnt ihr zwischen statischen und dynamischen Merkmalen unterscheiden.

Statische Merkmale

Es kommt hier nicht darauf an, ob jemand sitzt, steht oder liegt, sondern vielmehr auf die generelle Haltung. Hat jemand eine aufrechte Haltung, steht er gebückt oder zusammengesunken? Hat er die Arme und Beine überschlagen oder offen?

Dynamische Merkmale

  • Gesichtsausdruck: Wie bewegen sich die Lippen, die Mundpartie, die Augenbrauen, die Stirn. Diese Partien sind in ständigem Wandel.
  • Augen: Die Dauer und Häufigkeit von Blickkontakt verrät viel über die wahren Gefühle einer Person zu einem Thema.
  • Körperhaltung: Ist jemand zum Redner geneigt oder lehnt er sich weg?
  • Hände und Arme: Was machen die oberen Extremitäten? Unwillkürliche Bewegungen drücken Unsicherheit, Langeweile, Ärger, Frust oder Freude aus.

Der folgenden Grafik könnt ihr entnehmen, in welche Kategorien sich die Körperhaltung einteilen lässt und welche Schlüsse ihr daraus ziehen könnt.

Formen der Körperhaltung (Quelle: adesso Schweiz)

1. Antwortend: Eine offene und zugeneigte, aber ebenso entspannte Haltung sind Zeichen dafür, dass euer Gegenüber der Unterhaltung folgen kann, beziehungsweise die Punkte versteht oder akzeptiert. Weitere Merkmale sind weit geöffnete Augen, viel Blickkontakt und bestätigendes Nicken sowie der Versuch, den räumlichen Abstand zu verringern.

2. Reflektierend: Eine offene, jedoch zurückgelehnte Haltung deutet daraufhin, dass euer Gegenüber das eben Gesagte verarbeitet und überdenkt. In dieser Phase ist die Körpersprache recht statisch. Die Stirnpartie bleibt entspannt.

3. Kämpferisch: Eine geschlossene und zugeneigte Haltung deutet auf Kampf hin. Dies kann von einfacher Ablehnung bis zu offener Aggression reichen. Menschen in dieser Situation erkennt ihr daran, dass sie beispielsweise ihre Hände in die Hüften und die Ellenbogen nach außen stemmen, ihre Hände zu Fäusten ballen, kurze und abgehackte Bewegungen mit den Händen machen, ihre Augenbrauen gesenkt und ihre Lippen zusammengepresst sind und euch unangenehm nah gegenüber stehen.

4. Defensiv: Eine geschlossene und zurückgelehnte Haltung deutet auf Defensive hin. Diese Haltung kann Langeweile, Unsicherheit, Angst, Stress oder Nervosität ausdrücken. Diese Person wäre gerne woanders.

Eine defensive Körperhaltung eures Gesprächspartners könnt ihr an seinen hängenden Schultern, seinen verschränkten Armen und Beinen, seiner zur Tür zeigenden Fußstellung, einem gehetzten Blick und dem nervösen Berühren des eigenen Körpers erkennen.

Proxemik – Mein Raum, mein Status

Aber nicht nur die Körperhaltung gibt Aufschlüsse über die Gefühlswelt eures Gesprächspartners. Bereits anhand seiner Position im Raum lassen sich Rückschlüsse auf dessen Intentionen ableiten.

Menschen sind eine sehr territoriale „Rasse“ und legen großen Wert auf „ihren“ Raum. In einem Gespräch ist es für euch daher wichtig zu wissen, wie ihr euch im Raum zum Gesprächspartner positioniert und wieviel Abstand ihr halten solltet.

Man unterscheidet in diesem Rahmen gemeinhin zwischen folgenden Situationen: intim (0 bis 45cm), persönlich (45 bis 120cm), gesellschaftlich (120 bis 360cm) und öffentlich (mehr als 360cm).

Da die einzelnen Distanzzonen in ihrer Ausweitung kulturabhängig sind, kann der Abstand allerdings in einem gewissen Maß variieren.

Für die Proxemik sind Faktoren wie Nähe oder Distanz zum Gegenüber, die körperliche Orientierung im Raum, die relative Höhe, welche man im Verhältnis zueinander einnimmt und die Bewegungen innerhalb einer räumlichen Anordnung relevant. Diese Faktoren signalisieren dem Gegenüber Vertrautheit, beziehungsweise Distanz, den eigenen Status oder die eigene Rolle – etwa die des Projektleiters − in einer sozialen Gruppe. Es lohnt sich daher für euch, genau darauf zu achten, in welchem Verhältnis sich die Personen in einem Gespräch zueinander anordnen, um daraus die sozialen Verbindungen abzuleiten.

Die Bedeutung bestimmter Körperhaltungen und -orientierungen sind in den meisten Kulturen relativ ähnlich. Dennoch finden sich speziell im Bereich des räumlichen Verhaltens kulturelle Unterschiede. Ein gutes Beispiel ist der Vergleich des Abstands von zwei Gesprächspartnern, die aus verschiedenen Kulturkreisen – beispielsweise dem Westen und dem Nahen Osten − stammen. Es ist häufig zu beobachten, dass die beiden Gesprächspartner aus dem nahöstlichen Kulturkreis sich fast direkt gegenüberstehen und dabei eine geringe Distanz zueinander haben. Dagegen halten Gesprächspartner aus dem westlichen Kulturkreis in der Regel eine Armlänge voneinander Abstand und stehen sich nicht direkt gegenüber, sondern versetzt in einem leichten Winkel. Treffen nun Gesprächspartner aus unterschiedlichen Kulturkreisen in einer Gesprächssituation aufeinander, kann dieses Verhalten zu Missverständnissen führen. Der Gesprächspartner aus dem westlichen Kulturkreis fühlt sich bedroht und weicht zurück, da er die räumliche Distanz gewohnt ist, während sich sein Gegenüber aus dem Nahen Osten zurückgewiesen fühlt und nachrückt. Deshalb solltet ihr euch – sofern euch ein Treffen mit einem Gesprächspartner aus einem anderen Kulturkreis bevorsteht − über die Gepflogenheiten der anderen Kultur informieren.

Nonverbale Kommunikation im Projektalltag

In eurem Alltag ist euch vielleicht schon einmal die Situation begegnet, dass ihr mit einem Stakeholder gesprochen habt und ihr das Gefühl nicht abschütteln konntet, dass irgendetwas nicht stimmt, obwohl seine Antworten grundsätzlich positiv klangen. Im konkreten Beispiel geht es darum, dass ihr dem Stakeholder die Idee eines neuen Features für seine Software pitchen möchten. Doch obwohl er schließlich zustimmt, fühlt es sich nicht so an, als sei die Besprechung erfolgreich verlaufen. Er hat oft den Kopf geschüttelt während er gesprochen hat, saß mit verschränkten Armen und Beinen vor euch und hat kaum Augenkontakt gesucht. Bei der Auslieferung des Features nach einigen Wochen kam es dann auch noch zu Problemen − der Stakeholder war unzufrieden und wünschte, dass ihr noch Änderungen vornehmt.

Hättet ihr hier von an Anfang an etwas anders machen können? Was wäre passiert, wenn ihr eurem Gefühl zu Beginn vertraut hättet? Oder noch besser, wenn ihr gewusst hättet, auf welche Zeichen ihr bei eurem Gegenüber achten müsst, um zu erkennen, was wirklich in ihm vorgeht?

Körpersprache fällt dann am Stärksten auf, wenn sie nicht zu den gesprochenen Worten passt. Das menschliche Gehirn hat die Fähigkeit zu bemerken, wenn das Gesagte nicht mit dem Rest der Botschaft, beispielsweise Stimme oder Körperhaltung, übereinstimmt und signalisiert dem Körper Gefahr – dies ist in der Moderne dann das unbestimmte Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“. Wenn Abweichungen zwischen Gesagtem und Gezeigtem auftreten, solltet ihr versuchen, unausgesprochene Probleme aktiv anzusprechen und Verständnis zu vermitteln.

Wenn ihr lernt, auf die Signale eures Gegenübers zu achten und diese zu deuten, werdet ihr in der Lage sein, besser auf dessen Bedürfnisse einzugehen und Probleme zu vermeiden, ehe diese überhaupt entstehen. Dies gilt nicht nur für Gespräche mit Stakeholdern, sondern auch für das nächste Teammeeting, das nächste Brainstorming oder auch für Situationen im privaten Umfeld.

Wenn euch der Artikel gefallen hat und ihr mehr erfahren oder mir eure Erfahrungen schildern möchtet, freue ich mich über eine Kontaktaufnahme unter Matthias.joos@adesso.ch. Gerne stelle ich euch das Thema auch persönlich ausführlicher vor − sei es im Rahmen eines Kurz-Workshops oder als Coach für spezielle Projektsituationen.

Autor: Matthias Joos

Matthias Joos ist Projektmanager und IT Consultant bei adesso Schweiz. Er hat ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften und ist zertifizierter Scrum Master, Product Owner, PMP, sowie IREB-Requirements Engineer und ISTQB-Tester.

Kategorie:

Branchen & People

Schlagwörter:

Kommunikation

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